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Leerstellen (Zufall)
Leerstellen meint Fotografie-Sequenzen, Bildreihen, die dem Zufall unterworfen wurden.
Die systematisch angefertigten Reihungen enthalten eine traditionelle Eigenschaft von Fotografie.
Repräsentanz
Fotografien repräsentieren in unserer Wahrnehmung Ausschnitte der äußeren Wirklichkeit. Entsprechend werden Fotografien in Print- wie in elektronischen Medien, in Fernsehen und Internet, als Dokumente für vergangene oder gegenwärtige Ereignisse wie Zustände eingesetzt und besitzen einen hohen Vertrauensvorschuss.
In der spontanen Wahrnehmung stehen Fotografien regelmäßig für authentisches Dokumentations-Material, das heißt, sie werden für wahr genommen: „So war es, so muss es gewesen sein, so sieht es aus“. Ausgeblendet wird, in welch hohem Maße die Licht- und Schattenbilder, die Reihe oder Reportage abhängig ist von äußeren relativierenden Umständen: der Entscheidung des Fotografen, wann er auslöst, welchen Ausschnitt er wählt von welchem Objekt, mit welcher Perspektive, Belichtung und Brennweite (Gesichtsfeld), Schärfe oder Unschärfe, Filmempfindlichkeit oder Auflösung, mit der aktiven Mitwirkung oder Verweigerung fotografierter Personen, nächtliche Dunkelheit oder Sonnenlicht …
Ganz zu schweigen von Manipulationen durch inszenierende Eingriffe oder solche im technischen Prozess der Bilderzeugung.
Fotografische (und künstlerische) Methoden setzen auf den Ausschnitt (auf Selektivität), auf Repräsentanz, auf das Exemplarische. Fotografie reduziert damit Komplexität.
Folgt man dem polnischen Philosophen Roman Ingarden, geschieht dies durch Leerstellen.
Das Bewusstsein des Betrachters (die ihm zur Verfügung stehende Sprache) überträgt die reduzierte Darstellung subjektiv in Vorstellungen und Begriffe (und erkennt potenziell mehr als er/sie sieht).
In diesem Sinne repräsentieren die Serien des Projekts „Leerstellen“ Aspekte von Wirklichkeit. Es reiht sich Bild an Bild. Z.B. von ganz bestimmten Plätzen; von Menschen, die sich dort aufhielten, sich bewegten. Dennoch kein Film. Stills*.
(In einer Parabel** beschrieb Jorge Luis Borges, dass in einem fiktiven Reich eine Karte des Landes im Maßstab 1:1 angefertigt wurde „…die die Größe des Reiches besaß und sich mit ihm in jedem Punkte … deckte.“ Lückenlos. Spätere Generationen überließen diese Karte den Unbillen des Wetters. Ihnen erschien eine exakte Kopie der Welt nicht interessant.)
Zufall
Serien von Fotografien mit ihrer auf einem zeitlichen Rhythmus beruhenden Systematik vermitteln den Eindruck, dass mehr als dokumentiert wird. Es wird untersucht. Bei Muybridge beispielsweise der Bewegungsablauf eines Pferdes. Ed Ruscha wiederum lichtet systematisch „Every Building on the Sunset Strip“ ab, ein Haus am anderen, Hausfront an Hausfront. Ein ‚Areal’ erkundete Joachim Brohm seinerseits mit großer Regelmäßigkeit.
Leerstellen bricht mit dieser dokumentarischen oder untersuchenden Konsequenz. Leerstellen zeigt Abläufe in zeitlich oder räumlich definierten Abständen. Menschen auf einem Platz, die Bewegung der Kamera auf einer Strecke … Die endgültige Gestalt der Serie aber definiert der Zufallsgenerator. Was bleibt? Was wird entfernt? Was von der Aktion des Fotografen zu sehen ist, bestimmt der Zufall, unabhängig vom Gestaltungswillen des Autors, der seine vom fotografischen Apparat geliehene Autorenschaft an einen weiteren Apparat (den Zufallsgenerator) abtritt. („Der Fotoapparat ist kein Werkzeug, sondern ein Spielzeug, und der Fotograf ist kein Arbeiter sondern ein Spieler.“
Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, S. 15)
In den Leerstellen-Reihen wird eine fragile Dokumentation einer unvollkommenen Wirklichkeit dem Zufall verdankt.
An den Stellen der „heraus gewürfelten“ Fotografien entstehen ‚weiße Bilder’ =
Leere
Die fotografische Serie ist selbst bei höchster Aufnahmegeschwindigkeit immer darauf angewiesen, Lücken zu akzeptieren, die zwischen Aufnahme und Aufnahme entstehen. Werden Lücken bewusst vorgesehen als ‚Auslassungen‘ so wird die zwischen den einzelnen Fotografien einer Serie entstehende Leere erst augenfällig und als ZwischenRaum erkannt, die Unzulänglichkeit des Mediums wird deutlich.
Was exemplarisch bzw. repräsentativ ist, bestimmt der Apparat „Zufallsgenerator“ (faktisch ein virtueller Würfel mit beliebig vielen Flächen), der im Verborgenen rechnend Unberechenbarkeit herstellt. Er lässt die Pausen das Regiment übernehmen. Leere unterbricht die Illusion der Kontinuität von Abläufen. Leerstellen repräsentieren nur noch die Idee der Serie, gewinnen Eigenständigkeit. Pausen werden Anregungsräume für Fiktion, Fantasie, Kreativität. Sie (heraus-)fordern den einbezogenen Betrachter. BetrachterIn kann sich entscheiden: zwischen Langeweile angesichts der Vielzahl von Auslassungen oder mäanderndem Denken, das Anlässe sich nimmt in den verbleibenden Bildexemplaren. Entdeckungen in den Fotografien eröffnen Räume für Spekulation, für EigenBilder, für Imagination,
das heißt für kreative Produktion. Soll die per Selektion entstandene Fotografie sprachlich auf den Begriff gebracht werden, fehlen in Zwischenräumen die Anhaltspunkte.
Das große (weiße) Rauschen der Bilder, das allenthalben auf uns einströmt, wird unterbrochen für das Innehalten, für Langsamkeit. Damit vermitteln Fotografien und Leerstellen ein „So war es und so war es auch nicht.“ – „Was könnte gewesen sein?“ – Geschichtsschreibung, die Lücken füllt zwischen Dokumenten, der Erinnerung, der Überlieferung (‚Historienbilder’ die Brücken schlagen, Verbindungen herstellen, Schlüsse zulassen).
Ästhetische Wahrnehmung dank unorthodoxer Intervention.
(Entscheidet der Zufallsgenerator über die Auswahl der Fotografien, verflüchtigt sich der Autor (Fotograf).)
*Stills: Standbilder aus Filmszenen
**Jorge Luis Borges: „Von der Strenge der Wissenschaft“ in „Borges und ich“.
Epikur
Von Ewigkeit her existieren die Atome und der leere Raum.
Aristoteles
Gibt es aber keinen Raum, so gibt es auch kein Leeres.
(Physik, viertes Buch, achtes Kapitel)
Laotse, Tao-Te-King:
Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.
(Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.
Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.) Buddhismus:
Erst die Leere erlaubt die Entwicklung der Dinge.
(nach F.-K. Ehrhard, I. Fischer-Schreiber: „Das Lexikon des Buddhismus“, Goldmann Verlag, 1995) |